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Die Kapelle auf der Galgengasse in Görlitz

  Mündlich. 
  Wegweiser 1832 S. 88. 
  Samml. von Schön No. 75. msc.

Als Herr Georg Emmerich aus dem heiligen Lande zurückkehrte und nach Dresden kam, sendete er von dort zwei Diener voraus, welche seine Ankunft in Görlitz melden und vorbereiten sollten. Einer der Diener war ein böser Mensch und fing mit dem andern, welcher viele Kostbarkeiten seines Herrn, Ringe, goldene Ketten, Schmucksachen und dergl. bei sich hatte, unterweges Händel an. Da ihm der andere aber gewachsen war, konnte er ihm nichts weiter anthun. Er ritt deshalb voraus und eilte nach Görlitz, wo er sich an dem Thore das Gesicht und die Hände zerkraßte und mit dem Blute bemalte, daß er aussah, als sei er unter Mördern gewesen. In dieser Gestalt ging er auf's Rathhaus, wo er angab, sein Gefährte, der andere Diener, habe unterwegs seinen Herrn, den Georg Emmerich, erschlagen und weil er den Herrn vertheidigt, habe ihn jener also blutig geschlagen, daß er für todt hingefallen. Er sei indeß wieder zu sich gekommen und auf Umwegen schnell zur Stadt hereingeritten, damit jener nicht entfliehen könne.

Da sandte der Rath Schaarwächter aus, welche den Unschuldigen, der ganz ruhig dabergeritten kam, fingen und gebunden zur Stadt führten. Da er vor Gericht sehr erschrak, man auch die Kleinodien feines Herrn bei ihm fand, glaubte man dem falschen Knechte und machte dem Unschuldigen kurzen Prozeß, verurtheilte ihn zum Strange und führte ihn des andern Tages unter gewaltigem Zulauf des Volkes in früher Morgenstunde hinaus auf den Richtplatz vor dem Nikolaithore.

Herr Emmerich war indessen auch herangekommen, und als er auf die Höhe hinter Reichenbach kam, hörte er das Geläute der Glocken in Görlitz. Als er nun fragte, was es zu bedeuten hätte, hörte er voll Schrecken die ganze Geschichte und daß man eben seinen treuen Diener, den er sehr liebte, zum Galgen führe. In großer Angst stieß er seinem Pferde die Sporen in den Leib, jagte, so viel das Thier nur laufen konnte, auf Görlitz zu, und als er an die Stelle kam, wo jetzt die Kapelle steht, brach ihm sein Pferd unter dem Leibe zusammen. Jetzt hatte man ihn aber erblickt, denn er winkte mit einem weißen Tuche zu, daß man einhalten sollte, und mit Schrecken erkannte man in ihm den todt geglaubten Emmerich.

Der unschuldige Diener, welcher den Strick schon um den Hals hatte, wurde sogleich frei gegeben, der falsche Ankläger aber auf der Stelle statt seiner an den lichten Galgen gehenkt. Emmerich ließ eine Kapelle auf die Stelle bauen, wo er zum Richtplatze gelangte und wo ihm sein Pferd zusammenstürzte, zum Dank gegen Gott, der ihm geholfen hatte, ein unschuldiges Menschenleben zu retten. Auch ließ er die Geschichte auf Leinwand malen und in der Klosterkirche aufhängen, wo das Bild noch lange zu sehen gewesen ist.

Anmerkungen: Eine andere Variation der Sage verschmilzt die eben mitgetheilte Erzählung mit der Geschichte vom Todtschlag in den Weinbergen bei Görlitz. (Eine sehr weitschweifige Behandlung derselben steht in den Akten der Alterthumssektion der naturforsch. Gesellsch. No. 14. Fol. 7. 599).

Die Sage ist geschichtlich unbegründet. Häßler's Chronik meldet: „anno 1589 den 24. Februar ist Hr. B. Scultetud von Matthäus Nehnelt dem Kaltstoßer bericht worden, daß die Capelle über der Goldgrube sei gebaut worden von einem Zechmeister Malz Graffen, mit dem Zunamen der Faule Mathes, welcher seine Schwester zur Ehe gehabt und daß er der itz lebenden alten Valten Altenberger Vater Bruder böslich hat erschlagen!“

Quelle: Karl Haupt, Sagenbuch der Lausitz, Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann,1862