<<< vorherige Sage | Sagen aus der Provinz Sachsen | nächste Sage >>>

Der Spuk in der Scheune

Eines Tages waren zwei Drescher in einem Dorfe bei Magdeburg in eifriger Arbeit, da geschah es, dass plötzlich über die Tennenwand eine Garbe nach der andern auf die Diele geflogen kam; bald lagen so viel Garben auf der Tenne, dass die Drescher ihre Arbeit einstellen mussten. Das kam den Arbeitern gar sonderbar vor, denn sie wussten, dass niemand in der Scheune war, welcher die Garben hätte werfen können, und von selbst konnten dieselben doch auch nicht auf die Diele gefallen sein, denn die Banse im Tass war niedriger als die Tennenwand; sie sahen auch niemand, als sie auf die Leiter kletterten und in das Tass hinabsahen. Kaum aber waren die Drescher wieder an ihre Arbeit gegangen, so begannen die Garben von neuem aus dem Tass auf die Tenne zu fliegen.

Als die Arbeiter nun ihrer Not keinen Rat wussten, fiel auf einmal einem der Drescher ein, dass er gehört hatte, wenn man nicht aus noch ein wüsste, so müsse man thun, als ob man den Spuk für einen richtigen Menschen halte und ihn darauf anreden. Das that denn auch einer von den Dreschern und sagte nach dem Tass zu: „Here man nu up, Vâder, wi hebben nu enoch Korn up de Dacle.“

Von dem Augenblick an fiel keine Garbe mehr auf die Tenne und die Drescher wollten wieder an die Arbeit gehen; sie machten sich daran, die Garben wegzuräumen.

Indem kam der Bauer auf die Tenne. Die Drescher erzählten ihm alles, was sich zugetragen hatte. Der Bauer hörte ruhig zu, dann sagte er: „Jo, jo, man sollte et gâr nich glöben, wat alles in de Welt passirt. Abber nu sid man stille, nu ward Juch ok nischt mehr tue stöten, droscht man ruig wieder.“

Die Drescher thaten, wie ihnen gesagt war, und es blieb denn auch in der That fortan alles ruhig.

Quelle: Autor: Rose, „Sagen aus der Provinz Sachsen“, Herausgeber: Edmund Veckenstedt, 1888, Verlag Alfred Dörffel, Leipzig